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Marktsicht: Stagflations-Szenarien gewinnen an Relevanz

AktuellInvestment
14.10.2021

Aus dem Pfadfinder-Brief Nr. 19 vom 10. Oktober 2021, von Daniel Haase

 

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in China ist ein schwer verschuldeter Immobilienentwickler namens Evergrande heftig in Not geraten. Es ist von Verbindlichkeiten in der kaum vorstellbaren Größenordnung eines Bundeshaushaltes (300 bis 400 Mrd. US-Dollar) die Rede und es schwingt die Frage mit, ob der Fall des Unternehmens wie seinerzeit der Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers eine globale Finanzkrise verursachen könnte. Die kurze Antwort lautet: Nein, denn die Regierung in Peking kontrolliert weite Teile des chinesischen Bankensystems und dürfte es im Bedarfsfall – notfalls via Druckerpresse – stabilisieren. Auf einem anderen Blatt stehen jedoch die Fragen, ob sich das Vertrauen in die Werthaltigkeit chinesischer Immobilien bei allen Beteiligten (z.B. bei Käufern, Verkäufern, Eigentümern, Entwicklern, Bauunternehmern, Kreditgebern, Anlegern usw.) ebenso staatlich verordnet stabilisieren lässt und was für Effekte eine etwaige Erhöhung der Staatsverschuldung bzw. der Einsatz der Druckerpresse z.B. auf das Vertrauen internationaler Anleger in Bezug auf chinesische Staatsanleihen und die chinesische Währung zeitigen würde.

 

Abb. 1: Die Marktkapitalisierung des chinesischen Wohnimmobilienmarktes wird auf ca. 62.000 Mrd. USDollar geschätzt. Damit könnte es hierbei sich um die weltweit größte Anlageklasse handeln. Etwa ein Sechstel des Marktes soll derzeit zum Verkauf stehen – kein einfaches Unterfangen im Zuge der Schwierigkeiten verschiedender bedeutender chinesischer Immobilienentwickler Quellen: zerohedge.com – Artikel vom 08. Oktober 2021, WFE, CEIC, Japan Cabinet Office, Halifax sowie Goldman Sachs Global Investment Research

 

Goldman Sachs skizzierte jüngst drei Szenarien für die Frage, wie Probleme am chinesischen Immobilienmarkt, der lt. Financial Times unglaubliche 29% zum chinesischen BIP beitragen soll, dass 2022er-Wirtschaftswachstum belasten könnten. Im Basis-Szenario geht die US-Investmentbank von 1,5%-, im schlechtesten Fall („harte Landung“) von 4%-Punkten weniger Wachstum aus. Für den schlimmsten Fall unterstellen die Analysten beispielsweise ein 10%iges Schrumpfen der Immobilienverkäufe/Transaktionsvolumina.

Schätzungen von Millionen in China leerstehender Wohnungen kursieren bereits seit Jahren – aktuell ist von 90 Mio. die Rede. Neu ist jedoch der drastische Rückgang der Immobilienumsätze: Die September-Daten für Peking, Shenzen (jeweils -30% im Vgl. zum Vorjahresmonat) und Shanghai (-45%) sowie jene der 100 bedeutendsten, chinesischen Immobilienentwickler (Ø -36%) zeigen, dass die Goldman-Sachs-Analysen möglicherweise die Grenzen ihrer Vorstellungskraft neu adjustieren müssen. Die längere Antwort lautet mithin: Eine unmittelbare Finanzkrise mag nicht allzu wahrscheinlich sein, die Auswirkungen auf das Wachstum Chinas und der Weltwirtschaft könnten jedoch überraschen und sie treffen international auf Konsumenten und Unternehmen, die von den Störungen in den Produktions- und Lieferketten (Nachwirkungen der Lockdown-Maßnahmen) sowie stark steigenden Energiepreisen ohnehin bereits erheblich belastet sind und die in ihren Konsum- wie auch Investitionsentscheidungen vorsichtiger werden.

Wie werden Finanzminister und Notenbanker reagieren, falls sich die konjunkturellen Aussichten in den kommenden Monaten tatsächlich markant eintrüben? Ist es wahrscheinlich, dass sie die Füße stillhalten, auf die Kräfte des Marktes und die reinigende Wirkung einer Rezession vertrauen oder sollten wir besser davon ausgehen, dass sie – wie in der Corona-Krise – diverse Konjunkturhilfen und Ausgabenprogramme beschließen und das ganze notfalls via Druckerpresse finanzieren? Unser Basisszenario für die kommenden Jahre bleibt unverändert: Staatseingriffe und Inflationsrisiken werden in der laufenden Dekade weltweit stetig zunehmen. Die daraus resultierenden Herausforderungen können am besten durch eine regelbasierte Auswahl von Qualitätsaktien sowie aktives Risikomanagement gemeistert werden.

Herzliche Grüße
Ihr Daniel Haase

PS: Der nächste Pfadfinder-Brief ist für Samstag, den 23. Oktober 2021, geplant.

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